Vom Schilfwald zum Baudenkmal: die Geschichte des Reetdachs an der Boddenlandschaft
Ton, Holz und Reet – die drei Grundstoffe der niederdeutschen Tiefebene. Eine Geschichte über Ernte, Handwerk und Kulturdenkmäler.

Warum der Mensch am Wasser blieb
Als der nomadisierende Mensch anfing, sesshaft zu werden, bevorzugte er es, sich an Flüssen und Seen niederzulassen. Hier fand er alles Lebensnotwendige auf engstem Raum: Wasser, Nahrung und Material für seine Behausung. Dass ausgerechnet Schilf zum Werkstoff gegen Regen und Kälte wurde, mag zunächst Zufall gewesen sein – weite Gebiete bestanden aus riesigen Schilfwäldern.
Aus Abdeckung wird Technik
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus der einfachen Abdeckung der Hütten eine raffinierte Technik. Drei Materialien prägten die Baukultur der Region über Jahrhunderte: gebrannter Ton, Holz und Reet. Die harmonisch gewachsenen Reihen- und Streudörfer der niederdeutschen Tiefebene mit ihren Fachwerkhöfen und wuchtigen Reetdächern sind bis heute unwiederbringliche Kulturdenkmäler. Das Gebot der Stunde ist, die Restbestände zu schützen und der Nachwelt zu erhalten.
Die Ernte in der Boddenlandschaft
In den weiten Gegenden der Boddenlandschaft wurde das Reet geerntet und zu Dachreet hergerichtet. Reet erreicht in einer Wachstumsperiode eine Länge von bis zu 3,5 Metern, der Halmdurchmesser kann 15 Millimeter betragen. Grobes Schilf, das sich für die Dachdeckung nicht eignete, wurde früher zu Rohrmatten verarbeitet.
Harte Arbeit im Polder
Die Reeternte ist nach wie vor anstrengend und mühsam. Die – neuerdings maschinell oder immer noch von Hand geschnittenen – Halme müssen an Ort und Stelle von Laub und Unrat gesäubert und gebündelt werden. Ein Paket Reet, 20 Bund zu rund 50 Kilogramm, wurde vom Mäher aus den oft morastigen Poldern per Muskelkraft geschleppt und auf Schiffe oder Fahrzeuge verladen. In der Blütezeit der Reetdächer ernteten die Dachdecker mit ihren Helfern überwiegend selbst, um die Schlechtwetterzeit zu überbrücken.
Der Arbeitsalltag des Reetdeckers
Die Saison begann nach der Ernte Anfang April. Bis in die 1950er Jahre war es üblich, dass die Bauern einen Handlanger stellten. Die ortsansässigen Reetdecker hatten streng abgegrenzte Bezirke von etwa zehn Kilometern Radius, die weder verlassen noch überschritten wurden. Der Arbeitstag dauerte zehn Stunden, von 7 bis 19 Uhr, an sechs Tagen die Woche. Verträge wurden fast nur mündlich geschlossen, abgerechnet wurde meist nach Stundenaufwand.
Zehn Quadratmeter am Tag
Bei Neueindeckung wurde auf Laufbäumen gearbeitet, bei Reparaturen von Leitern und Dachstühlen aus. Alte Reetdecken wurden abgenommen, das Reet teilweise aufbereitet und wieder verarbeitet. Gebunden wurde mit Bandstöcken und Weidenruten, ein Handlanger unterstützte die Bindung vom Bodenraum aus. Das Tagespensum lag bei rund zehn Quadratmetern pro Decker inklusive Handlanger.
„Es kommt jedes Jahr eine Kuh aufs Dach“
Zu einem mittleren Gehöft gehörten Wohn-Wirtschaftsgebäude und oft zwei Vorratsscheunen. Die Dachflächen betrugen nicht selten rund 1.000 Quadratmeter, gearbeitet wurde in Teilflächen von etwa 100 Quadratmetern. Daher der Spruch: Es kommt jedes Jahr eine Kuh aufs Dach. Für den ortsansässigen Reetdecker bedeutete diese Art der Vergabe bei rund 50 Höfen einen Dauerarbeitsplatz fürs ganze Leben.
Vom Bauernhaus zum Liebhaberobjekt
Nach der Währungsreform gab es noch einmal eine kurze Hochkonjunktur. Doch die industrielle Umstrukturierung der Landwirtschaft machte die alten Hofanlagen überflüssig; Scheunen und Ställe wurden durch Zweckbauten mit harter Bedachung ersetzt. Während des großen Höfesterbens der 1960er Jahre entstand unverhofft ein neuer Kundenkreis: Gut situierte Bürger entdeckten ihre Liebe zum Reetdach. Ein schönes Privathaus im Grünen mit aufwendigem Reetdach war plötzlich „in“.
Die Aufgabe von heute
Gehobene Wohnkultur und die veränderte Nutzung des Dachbodens haben das alte, behäbige Reetdach architektonisch erheblich verändert. Heute ist der Architekt gefordert, den Charakter des Reetdaches trotz Gauben, Schleppen, versetzter Traufen und Lichtquellen zu erhalten. Genau an dieser Schnittstelle arbeiten wir: modernes Wohnen unter einem Dach, das aussieht, wie es hierher gehört.
